Ausgabe 08.07.2010 vorherige | nächste

Evangelische Fasnächtler im katholischen Exil:

Schteineschtadt! Mir chemme!

Text und Foto: Klaus Amann

Die protestantische „Schlawinergilde“ aus Auggen ist durch den Abriss der örtlichen Winzerhalle ohne Behausung. Daher wird ihr in der kommenden Woche umfassend die Nächstenliebe der katholischen Schteineschtädter zuteil, so, als habe es Reformation und Bauernkrieg nie gegeben. Die treurömischen Nachbarn haben sich vom Dorfvogt aus Auggen überzeugen lassen, dass es sich bei den „Schlawinern“ ebenfalls um ehrbare Christenmenschen handelt, also wird den närrisch Obdachlosen „in Gott’s Namen“ auch Exil gewährt.

Hinweise für ihre Frömmigkeit gibt’s es ja zuhauf, zum Beispiel das bibelfeste „In Gott’s Name Proscht“ der „Schlawiner“ beim Griff zum Vierteleglas und wer erinnert sich nicht an die keuschen Ordensschwestern und den fulminanten Papstgesandten im Range eines Kardinals aus der „Auggener Säschen 2009“, wobei, auch das sei vermerkt, es sich seinerzeit keineswegs um den Versuch einer närrischen Ökumene gehandelt hat. Wurde da nicht vielmehr recht keck gegen das Katholische gestupst?

Es ist denkbar, dass die katholischen Schteinenschtädter an den Ortseingängen Beichtstühle für die evangelisch-närrischen Asylbewerber aus Auggen installieren, bevor diese rundum geläutert und von allen Fasnachtssünden gereinigt Obdach und Labsal in der Baselstabhalle in Steinenstadt finden dürfen. Der evangelisch-närrische „Schlawiner- Tross“ aus Auggen wird zudem die Gemarkungsgrenze der Steinenstädter zu einem Zeitpunkt erreichen, wenn die katholische Fasnacht gerade dabei ist sich wehklagend in Asche aufzulösen.

In Steinenstadt ist dieses Mal an Aschermittwoch das „Frauenrecht“ und dann am folgenden Freitag und Samstag sind die Zunftabende der „Schlawinergilde“ angesagt. Die „Ablass-Karten“ gibt’s vorab für 11,- Euro über 07631 – 6230.

Wenn im Markgräfler Ländle „die Katholischen“ die ersten Tage und Nächte der Fastenzeit durchleiden (sollten!), lärmt bei „den Evangelische“ mit aller Inbrunst närrisches Gewusel. Nach der „Herrefasnacht“ - so eine der vielen historischen Vermutungen - dürfen sich nun auch die Bauersleut’ dem Frohsinn hingeben, gewiss jenen zum Verdruss, die an Aschermittwoch bereits mit den mittelalterlichen Bußsymbolen „Sack und Asche“ herumlaufen und reumütig all ihrem Fasnachtsfrevel gedenken müssen.

Dass es überhaupt eine Tradition der Buure-Fasnacht in konfessionell evangelisch geprägten Orten gibt, hängt vor allem mit der anno 1582 von Papst Gregor XIII veranlassten Reform der Zeitrechnung zusammen, welche uns den bis heute gültigen Jahreskalender bescherte. Dieser katholische Kalender wurde von den evangelischen Ständen des Deutschen Reiches und der Schweiz erst 120 Jahre später als gut und sinnvoll akzeptiert, sodass es wohl eine ganze Weile auch zweierlei Fasnachtstermine gegeben hat.

Ihren volkstümlichen Wurzeln nach ist Fasnacht und Karneval zudem ein zutiefst in katholischen Orten und Regionen beheimatetes Brauchtum, dem die „pietistische“ oder vereinfacht gesagt „lustfeindliche“ Frömmigkeit der Lutheraner nichts abgewinnen konnte. Doch reicht die Tradition der Buure - Fasnacht tatsächlich in die finsteren Zeiten des Mittelalters zurück, wo die einen üppig fressen, saufen und furzen konnten, während die anderen, nämlich die Bevölkerungsmehrheit mit hungrigem Bauch dem Welten-Ende entgegen bibberte ?

Tatsächlich sind die historischen Fakten eher ernüchternd, denn die „Buure-Fasnacht“ (oder „Buure-Fasnet“) im badischen Markgräflerland hat seine gesicherten Wurzeln erst im 20. Jahrhundert. Zwar gab es in der evangelischen Gemeinde Auggen schon in der Zwischenkriegszeit mal eine Fasnachtsbemühung des örtlichen Musikvereines, doch die Geburt des „Buure-Fasnachtsäuglings“ fand erst in den 70er Jahren statt.

Auch in Sulzburg gibt es Hinweise auf närrische Fröhlichkeiten schon anno 1590 (!). Indes erst in den 30er Jahren im vergangenen Jahrhundert etablierte sich eine strukturierte „Buure - Fasnet“, die dann nach Jahren interner Zwistigkeit und externer Kriegsereignisse in den 50er Jahren ein erfolgreiches Comeback erlebte.

Keine Frage, die „Auggener Schlawiner“ sind in Steinenstadt hoch willkommen. Vielleicht wartet schon der eine oder andere Steinenstadter Jüngling närrisch herausgeputzt auf die „hübsche Maidli“ aus dem Nachbarort Auggen. Jedenfalls sei dem Auggener Oberschlawiner Axel Baßler und seiner Stellvertreterin Gaby Kiefer geraten, bei der Rückreise nach Auggen nachzuzählen, ob keine der „holden Jungfern“ in Steinenstadt verloren gegangen ist und bereits vor dem katholischen Traualtar steht.