Ausgabe 28.01.2010 vorherige | nächste

Närrische Zeiten für große und kleine Kinder

Mama! Es isch Fasnacht!

Wer immer über die weitere Zukunft der südbadischen Fasnacht nachdenkt, der muss sich intensiv und umfassend mit dem Nachwuchs im Kleinkindalter beschäftigen, und darum sei hier allen Erzieherinnen der Kindergärten unseres Markgräflerlandes herzlichst gedankt, die mit ihren Schützlingen im Vorschulalter den Spaß an der närrischen Verkleidung und der lustvollen Bemalung üben. Die südbadischen Zünfte tun gut daran, die lieben Kleinen aus den Kindergärten in ihre Saal - und Hallenfasnacht in der Obhut ihrer Eltern kindesgemäß einzubinden.

Es ist einfach niederschmetternd, wenn man in einem Bericht der Badischen Zeitung vom 29. August 2009 die Schlagzeile entdeckt „Narrenrat streicht 2010 die Kinderfasnacht“. Zitat aus den Reihen des Vorstandes in Kandern: „Eine Chinderfasnacht wird es 2010 nicht geben, weil der Besucherandrang (2009) wider Erwarten sehr gering war, und wir für die Organisation und Durchführung einer sehr großen personellen und finanziellen Aufwand haben......“.

Das verstehe einer! Ist es nicht so, dass gerade die Kinderfasnacht keine Medien wirksame Inszenierung braucht, sondern vor allem die familiäre Einbindung? Die Teilnahme der Kleinen mit Mama und Papa an der fröhlichen Straßenfasnacht als närrische Zuschauer oder Wandergruppe bringt der südbadischen Fasnacht langfristig nämlich mehr Gewinn als alle kunstvollen und stressigen Ereignisse eines ausgestalteten Kinderfasnachtprogramms auf der Bühne.

Geradezu wohltuend ist die Beobachtung, dass in vielen Markgräfler Orten sich die „Kinderfasnacht“ auf die Teilnahme der Kleinen bei der Straßenfasnacht und auf das nachfolgende, lustige Beisammensein in der Gemeindehalle beschränkt und gibt es dann noch die kostenlose „Heißi Wurscht mit Weckli“, dann ist die Fasnacht aus dem Blickwinkel der kleinen Narren allemal ein voller Erfolg. Es ist kein Zufall, dass wir alle uns besonders gern an die Fasnacht unserer Kindertage erinnern, die sich vor allem durch ihre Bescheidenheit auszeichnete, mit süßem Sprudel, Zehner-Bier und Wurst - Schnappis, wie in (Bad) Bellingen um 1960.

Mit phantasievoller Unterstützung durch die Lehrer Oswald Meyer und Elmar Döbele klebten die Schulkinder damals ihre selbst gemalten Plakate an den „volkseigenen Steuerbehörde-Einzugswagen“, der dann an Fasnacht durch die Bellinger Strassen und Gassen rumpelte. Eine „Getränkesteuer“ mit dem Namen „Markusgroschen“ wurde verlangt, „da die ungeheure Trinkerei den Heilwasserstand beträchtlich sinken lässt und einen geordneten Badebetrieb nicht mehr zulässt. Daher hat jeder Badende 1,- DM Getränkesteuer zu bezahlen.“

Auch eine „Stinksteuer“ wollte man erheben - zum größten Vergnügen der Kinder - „da wohlriechende Misthaufen in Bellingen nunmehr verpönt sind, bezahlt jeder diesbezügliche Besitzer ab sofort eine „Stink-Stoff-Riech-Steuer“ an die Versammlung der Naturfreunde“.

Weiterhin empfahlen die Bellinger Kinder eine „Rebfrevel-Steuer“. Die „lieben Gäste“ mögen bitte 0,11 DM Entschädigung bezahlen, wenn sie unerlaubt „herbste“. Ein „Katzenverein“ verlangte eine neue „Miau-Steuer“ in Höhe von 1,- DM und auch die Hundebesitzer sollten künftig eine „Kur-Bell-Steuer entrichten: „Für eine Stunde Bellen bei Nacht – weil der Kurgast erwacht!“

„Geld macht nicht froh – darum bettle mir so!“ und ­„Hast du Kurgäst in deinem Haus, rück endlich mit der Kurtax raus!“ wurde da verkündet. Und weiter hieß es „Laßt euch bitte nicht verdrießen, wenn wir das Bad nun schließen. Viel schöner wird es neu erstehen und euch wird’s allen besser gehen. Merke: Geld macht geistig arm – gebt es uns – wir dankens warm!“

Zu den Erinnerungen an die Bellinger Kinderfasnacht Ende der 1950 er und Anfang der 1960er Jahre gehört auch das sogenannte „Zehner-Bier“ im Gasthaus Hirschen. Die halbflügge Bube bekamen ein Achtele­glas schäumendes Bier überreicht und kamen sich dann mächtig erwachsen vor. Beim Gasthaus Schwanen wurden die kostenlose „Heiße Wurscht mit Brötli und einer Flasche Süßen Sprudel“ zum Highlight der Kinderfasnacht. Mit einher gingen auch „Schnudernase“, denn die letzten Würste baumelten an einer Angel und die „großen“ Schüler versuchten mit kräftigen Sprüngen nach oben diese Würste mit der geöffneten Schnute zu erhaschen; die Hände blieben dabei auf dem Rücken, versteht sich.

Für die „großen“ Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 8 gab es dann eine Neuerung. Sie durften an Fasnacht sich im Rahmen eines „Schülerballs“ im ausgeräumten „großen“ Klassenzimmer der Volksschule des Nachmittags austoben. Da plärrten und lärmten dann die ersten Twist- und Rock’n’Roll-Schallplatten und es wurde heimlich „HB“ geraucht und wohl erstmals geschmust, hinter den überlangen Vorhängen im Klassenzimmer. Doch wehe – dr’ Meyer-Lehrer bekam Kunde von diesem Sittenverfall, dann folgte umgehend eine Art „Jüngstes Gericht“. Ja, lang ist’s her und aus den Schulkindern und Schuljugendlichen jener Zeit sind längst Omas und Opas geworden. Dass es viele Jahre später mal „Bogdemollis“ und „Zunftabende“ in einem Kurhaus geben würde, nein, das war vor rund fünf Jahrzehnten in Bellingen noch unvorstellbar.

Der Geburtshelfer aber war, und das hat die Narrenzunft „Bogdemolli“ bis heute nicht vergessen, die Kinderfasnacht. Und dass sie mit Unterstützung des Musikvereins weiterhin stattfindet, darauf legen Akteure wie Marlis Auer und Stefan Escher größten Wert. Übrigens auch in den Bad Bellinger Teilorten Hertingen, Bamlach und Rheinweiler hat die Kinderfasnacht erfreulich kräftiges Wurzelwerk.

In der Kinderfasnacht mit all den kleinen Narren und Hexen und Cowboys und Prinzessinnen liegt die Zukunft der Strassen- und Hallenfasnacht, ob in Sulzburg, Staufen und Bad Krozingen, ob in Neuenburg, Müllheim und Schliengen, denn wie heißt es so schön: Früh übt sich wer ein Meister werden will!

Text und Foto: Klaus Amann


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